21
Unterhalb des steilen und vereisten Hanges sank Dolly erschöpft zu Boden. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum und fühlte mit beiden Händen ihre verletzten Beine. »Bist du sicher, dass es nichts Ernstes ist?«, fragte sie mit verkniffenem Gesicht. »Die Schmerzen werden schlimmer.«
»Sobald wir in Skaguay sind, gibt dir der Doktor eine Pille«, antwortete Clarissa. »Dann gehen die Schmerzen vorbei. In Vancouver hatten wir mal einen jungen Fischer, der von einem Hai gebissen wurde. Der schrie wie am Spieß, obwohl ihn der Hai kaum verletzt und keinen Knochen erwischt hatte. Nachdem er ein Schmerzmittel bekommen hatte, schlief er zwölf Stunden, und danach war er wieder ganz der Alte. So wird es dir auch ergehen, Dolly.«
»Und wie lange dauerte es, bis er die Pille bekam?«
»Zwei Tage. Wir waren ziemlich weit draußen.«
Dolly lächelte gequält. »Na, dann hab ich ja noch Glück. Wenn wir so weitermachen wie bisher, brauchen wir höchstens einen Tag bis Skaguay.« Sie rieb vorsichtig mit einer Hand über ihren linken Oberschenkel. »Verfluchte Schmerzen! Ich hätte gleich erkennen müssen, dass die Brücke nicht hält.«
»Das hätte jedem passieren können.«
»Dir nicht.« Dolly verlagerte ihr rechtes Bein, indem sie es mit beiden Händen packte und vorsichtig nach rechts schob, vermochte aber nicht die Schmerzen zu lindern. Sie stöhnte. »Du kennst dich in der Wildnis aus, was?«
»Ich bin mit einem Fallensteller verheiratet«, erwiderte sie. »Ich lebe schon seit zwei Jahren im Busch. Da lernt man einiges.«
»Mit einem Fallensteller? Einem … einem Trapper?« Dolly war so erstaunt, dass sie für einen Moment ihre Schmerzen vergaß. »Ich dachte, du kommst aus Vancouver. Hast du nicht gesagt, dein Vater wäre Fischer gewesen?«
»Das ist eine lange Geschichte.« Clarissa setzte sich neben Dolly auf einen umgestürzten Baumstamm. Sie war froh über die unfreiwillige Pause und die Gelegenheit, sich nach der anstrengenden Rettungsaktion ausruhen zu dürfen. Die ausladenden Äste und Zweige der Bäume schützten sie vor dem Schneeregen, der etwas nachgelassen hatte, sie aber immer noch beim Laufen behinderte. »Mir ging es ähnlich wie dir, nur dass ich nach dem Tod meiner Eltern als Haushälterin gearbeitet habe, bei einer reichen Familie in Vancouver …«
Clarissa erzählte der Engländerin die ganze Geschichte. Mit so knappen Worten wie möglich schilderte sie, wie Frank Whittler sie belästigt und ihr ein Verbrechen in die Schuhe geschoben hatte, das sie gar nicht begangen hatte, wie sie vor ihm in die Wildnis geflohen war und Alex kennengelernt und nach einer monatelangen Verfolgungsjagd geglaubt hatte, Whittler endgültig abgeschüttelt zu haben. Und wie der rachsüchtige Millionärssohn einen Tag nach ihrer Hochzeit mit einer neuen Anklage in ihrer Nähe aufgetaucht war und sie es mit letzter Kraft an Bord der S.S. California geschafft hatte.
Mit feuchten Augen berichtete sie, wie Alex verschwunden war, sie verzweifelt nach ihm gesucht und einen seiner Stiefel an der Küste gefunden hatte, und dass sie noch immer nicht wusste, ob er noch am Leben war und jemals ihren Brief lesen und ihr nach Skaguay folgen würde. Sie verschwieg nur Bones, verriet auch nicht, wie sie der geheimnisvolle Wolf über den vereisten Hang zum Flussufer geführt hatte. Selbst wenn die gelben Augen nur in ihrer Einbildung aufgetaucht waren, hatte der geheimnisvolle Wolf einen entscheidenden Anteil an ihrer Rettung. Stattdessen sagte sie: »Der Hang ist so steil, dass ich gar nicht anders konnte, als dir zum Fluss zu folgen. Die Hälfte der Strecke bin ich gerutscht, und als ich unten war, habe ich dich um Hilfe schreien hören.«
Clarissas eher nüchterne Schilderung täuschte nicht darüber hinweg, wie aufregend ihr Leben auf der beschwerlichen Flucht vor Frank Whittler gewesen war, und welches Glück sie gehabt hatte, einem Mann wie Alex Carmack in die Arme zu laufen. Wie sehr ihr sein Verschwinden zu schaffen machte, zeigten die Tränen, die ihr plötzlich über die Wangen liefen. Als Dolly sie zu trösten versuchte und ihr die Tränen vom Gesicht wischte, lachte und weinte sie zugleich. »Und ich dachte, du wärst die Frau, die Trost und Hilfe braucht.«
Sie lachten und weinten beide und fassten sich an den Händen. Gegenseitig machten sie sich Mut, indem sie einander in die Augen sahen und wortlos versprachen, der anderen in ihrem Schmerz zu helfen. In diesem wertvollen Augenblick hatte Clarissa das Gefühl, eine echte Freundin gefunden zu haben, vielleicht die erste in ihrem Leben. Eine Partnerin, die selbst in ihrem Schmerz noch Mitgefühl für eine andere empfand. Sie löste sich von ihr und rieb sich lachend die Tränen aus den Augen. »Wir schaffen das«, entschied sie.
»Wir schaffen das«, wiederholte Dolly. Es klang wie ein Schwur.
Clarissa zog ihre neue Freundin vom Boden hoch, langsam und behutsam, um ihr so wenig Schmerzen wie möglich zu bereiten, und konnte doch nicht verhindern, dass Dolly laut aufschrie und sich so fest auf ihre Schultern stützte, dass sie beinahe in die Knie ging und sie beide gestürzt wären. Clarissa stolperte einen Schritt nach hinten, prallte glücklicherweise gegen einen Baum und hielt Dolly mit beiden Händen fest, bis der Schmerz einigermaßen nachließ.
»Mein rechtes Knie!«, stöhnte Dolly. Im schwachen Licht, das der Schnee reflektierte, wirkte ihr Gesicht noch blasser. »Irgendwas stimmt nicht. Wenn ich auftrete, tut es höllisch weh. Muss eine Verrenkung sein oder so was …«
Clarissa hielt die Engländerin fest umklammert, sie ahnte bereits, dass Dolly auch das andere Bein kaum belasten konnte. »Das kommt vom Liegen«, hoffte sie. »Versuch ein paar Schritte zu humpeln, dann geht es bestimmt wieder.«
»Meinst du … wirklich?«
»Keine Angst, ich stütze dich.« Clarissa löste sich vorsichtig von dem Baum, an dem sie gelehnt hatte, half ihrer Freundin, den linken Arm um ihre Schultern zu legen und umfasste mit dem anderen Arm ihre Hüfte. »Ganz vorsichtig!«, warnte sie. »Zuerst das linke Bein und dann langsam das andere …«
Sie kamen nicht mal zwei Schritte weit. Schon als Dolly ihr linkes Bein belastete, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Körper, und als sie das rechte mit dem verrenkten Knie nachzog, schrie sie laut auf, und nebeneinander sanken sie in den Schnee. Über ihnen fuhr ein Windstoß in die Baumkronen, und ein Schauer eisig kalten Schnees rieselte und regnete auf sie herab.
Dolly weinte vor Schmerz und vor Wut. »So geht es nicht. Ist vielleicht doch besser, wenn du mich hierlässt. Ich werde schon nicht erfrieren. In zwei oder drei Stunden geht die Sonne auf, und so lange brauchst du sicher nicht.«
»Unsinn!«, erwiderte Clarissa. »So weit ist es nicht bis zur Wagenstraße, und zwischen Dyea und Skauay sind ständig Leute unterwegs. Wir passen einen Händler mit Wagen ab und lassen uns mitnehmen. Zur Not zahle ich.«
»Und wie willst du den Hang hochkommen?«
Clarissa blickte durch die Bäume am Waldrand auf den vereisten Hang, der noch steiler anstieg, als sie es in Erinnerung hatte, und im Schneetreiben den unbezwingbaren Gletscherhängen ähnelte, die sie aus der alten Heimat in Kanada kannte. Selbst mit einem Hundeschlitten und ohne die verletzte Engländerin hätte sie sich auf dem Hang schwergetan. Und zu beiden Seiten des Hanges, war das Gelände so felsig und zerklüftet und fiel so steil ab, dass sie wahrscheinlich Tage brauchen würden, um die Wagenstraße zu erreichen.
Dolly hatte recht, es wäre wohl am vernünftigsten, sie unter den Bäumen zurückzulassen und Hilfe aus Skaguay oder Dyea zu holen. Aber Clarissa war einmal ein zu großes Risiko eingegangen, als sie die Engländerin allein gelassen hatte, und schreckte nun davor zurück. Immerhin war Dolly nur mit knapper Not einem grausamen Tod entgangen. Clarissa hätte sich ihr Leben lang die Schuld gegeben, wenn Dolly in den Fluss gestürzt wäre.
Sie klopfte sich den Schnee vom Mantel und dachte angestrengt nach. Um einen notdürftigen Schlitten zu bauen, wie es Alex selbst mit einem Messer fertiggebracht hätte, fehlten ihr die Werkzeuge. Sie trug nicht einmal die Notrationen bei sich, die sie sonst auf ihren Ausflügen in die Wildnis dabeihatte. Weder Streichhölzer für ein Feuer, an dem sie sich wärmen konnten, bis es Dolly etwas besser ging, noch etwas Trockenfleisch oder ein paar Kekse, die über den gröbsten Hunger hinweghalfen, waren in ihren Taschen. Auch kein Messer und keine Lederstricke, mit denen sie einige Fichtenzweige zu einer notdürftigen Schleppbahre zusammenbinden konnte. Blieb nur der Enfield-Revolver, den sie ein paar Mal abfeuern konnte, aber Skaguay und Dyea lagen so weit entfernt, dass man dort die Schüsse wohl kaum gehört hätte.
Wieder einmal musste ihr Mantel herhalten. Sie stand auf, zog ihn aus und breitete ihn auf dem Boden aus. Mit einigen Fichtenzweigen, die sie im Unterholz fand, schuf sie ein zusätzliches Polster. In ihrem Eifer spürte sie weder den lästigen Schneeregen noch den Wind, der jetzt am frühen Morgen besonders böig blies und ihren Rock und ihre Bluse aufbauschte.
»Was hast du vor?«, fragte Dolly.
»Eine Schleppbahre. Ich ziehe dich nach oben.«
»Mit deinem Mantel?«
»Der hat uns am Fluss geholfen und ist schon so ramponiert, dass es keine Rolle mehr spielt.« Sie kehrte mit einem optimistischen Lächeln zu der Engländerin zurück. »Meinst du, du schaffst die paar Schritte bis zum Mantel?«
Dolly blickte ungläubig nach vorn. »Du willst mich auf dem Mantel den steilen Hang hochziehen? Das klappt doch nie! Ich bin viel zu schwer! Und du wirst erfrieren, wenn du dich in Rock und Bluse in den Schneeregen wagst. Lass mich lieber hier! Ich laufe nicht mehr weg, ich versprech’s dir!«
»Lass es uns wenigstens versuchen.«
Schon für die paar Schritte bis zum Waldrand brauchten sie über eine halbe Stunde. Dolly schrie vor Schmerz auf, als sie das rechte Bein mit dem lädierten Knie zu stark belastete, und schaffte es auch nicht mehr, mit dem linken Bein aufzutreten. Nach zwei Schritten sank sie weinend zu Boden und verfluchte ihre Dummheit, allein in den Wald gerannt zu sein. Der Gedanke an ihren Mann, der jetzt irgendwo in Skaguay auf einem Tisch oder in einer Kiste lag, ließ sie erneut die Nerven verlieren und heftig schluchzen.
Clarissa wartete geduldig, bis sie sich einigermaßen erholt hatte, und zog sie an den Armen zu der provisorischen Schlepptrage. Sie hob ihren Oberkörper auf die Unterlage aus Fichtennadeln und beugte sich zu ihr hinunter. »Das wird jetzt ein bisschen wehtun, Dolly.« Sie schob vorsichtig beide Arme unter ihre Beine und legte sie ebenfalls auf den Mantel. Dolly verzog das Gesicht und atmete tief durch, bis der Schmerz zurückging, und sie wieder einigermaßen klar denken konnte. »Mann!«, schimpfte sie.
»Halt dich gut fest!«, bat Clarissa sie zum zweiten Mal in dieser Nacht. Sie packte den Mantel am Kragen und zog ihn zuerst mit einer und dann mit zwei Händen auf den vereisten Hang. Es war ein wahnwitziges Unternehmen, auf das sie sich eingelassen hatte, sie würde es niemals schaffen. Schnaufend und ächzend, den böigen Wind in den ungeschützten Kleidern, schleppte sie den Mantel über den verharschten Schnee, rutschte nach wenigen Schritten aus und stieß so fest mit ihrer linken Hand gegen einen Baumstumpf, dass sie zu bluten begann. Fluchend sank sie zu Boden und kam neben Dolly zu liegen, blickte in ihr zweifelndes Gesicht und versuchte es noch einmal, zerrte mit aller Kraft und kam doch nur zwei Schritte weit.
»So geht es nicht!«, rief Dolly von der Schleppbahre. »Bring mich in den Wald zurück, und geh allein! Keine Angst, ich komm sowieso nicht vom Fleck, und wenn ein Bär kommt, hab ich wenigstens was zum Kuscheln.«
Clarissa bewunderte den Humor ihrer Freundin, die ihre Panik schon jetzt zu überwunden haben schien und tapfer ihren Schmerz ertrug. Jede Bewegung auf dem vereisten Hang musste ihr höllisch zu schaffen machen, und den Schicksalsschlag, den geliebten Mann nur wenige Tage nach der Hochzeit auf diese grausame Weise zu verlieren, hätte so manche andere Frau noch verzweifelter reagieren lassen. Der Gedanke, ihrem Alex könnte etwas ähnlich Furchtbares passiert sein, ließ sie den eisigen Wind noch heftiger spüren.
»Es muss eine Möglichkeit geben, hier wegzukommen«, erwiderte Clarissa, als sie mit der Engländerin unter die Bäume zurückkehrte. »Am Flussufer gibt es sicher einen anderen Trail. Ist vielleicht ein kleiner Umweg, aber …«
»Klein? Und wie willst du über die Felsen kommen?« Dolly stemmte sich ächzend auf die Ellbogen und blickte sie aus geröteten Augen an. »Hast du nicht gesehen, wie steil das Ufer an manchen Stellen ist? Lass mich hier liegen, Clarissa! Zieh deinen Mantel und geh endlich! Ich vertreib mir die Zeit mit Singen, das konnte ich schon in der Schule. »Away, away, come away with me …«, begann sie mit einem irischen Volkslied, das ihr wohl Luther beigebracht hatte. »Worauf wartest du noch, Clarissa? Ich habe es bequem hier.«
Clarissa gehorchte widerwillig und zog sachte ihren Mantel unter der verletzten Engländerin hervor, schüttelte ihn kräftig aus und schlüpfte hinein. Sie würde ihn ausgiebig waschen und gründlich trocknen müssen, bevor sie sich damit wieder unter Leute wagen konnte. Auch der Rock und die Bluse hatten unter ihren Anstrengungen gelitten. Mit ihrer Wildnis-Kleidung wäre sie bei der Rettungsaktion besser dran gewesen, aber woher hätte sie denn wissen sollen, dass Dolly in die Wälder floh und am Flussufer in Lebensgefahr geriet?
Sie wärmte ihre Hände in den Manteltaschen, fühlte den Revolver und dachte gerade daran, ihn bei Dolly zurückzulassen, als ihr ein leises Knacken verriet, dass sie nicht allein waren. Sie legte rasch einen Finger auf den Mund und bedeutete der Engländerin mit einem strengen Blick, sich nicht zu rühren.
Wieder schloss sich ihre Rechte um den Revolver in ihrer Manteltasche. Das Geräusch konnte vieles bedeuten, ein Elch oder irgendein anderes Tier, das sich im Unterholz herumtrieb, ein Bär, der zeitig aus seinem Winterschlaf erwacht war und sich auf Nahrungssuche begab, ein Ast, der von einem der Bäume abgebrochen war. Oder der Mann, der Luther umgebracht hatte und sichergehen wollte, dass sie ihm nicht auf die Spur kamen. War Soapy Smith skrupellos genug, um ungeliebte und lästige Frauen auf diese Weise zu vertreiben oder gar zu töten? Sie hoffte, dass dem nicht so war, und der Verbrecherkönig wenigstens ein bisschen Anstand walten ließ.
Das Knacken wurde lauter, vermischte sich mit dem nervösen Schnauben von Pferden und zwei männlichen Stimmen. Zwei Männer, die keine Ahnung zu haben schienen, dass sie nicht allein im Wald waren, und sich ungeniert unterhielten. Die Stimme des einen Mannes klang vertraut, als er sagte: »Und du meinst, wir kriegen hundert Leute für ein solches Komitee zusammen?«
»Hundert?« Der andere Mann lachte. »Hunderteins, würde ich sagen. Wie wär’s mit ›Committee of 101‹? Das wär doch ein schöner Name für unsere Bürgerwehr. Mit 101 ausgesuchten Männern zwingen wir Soapy Smith bestimmt in die Knie.« Wieder schnaubte ein Pferd, und sie verpasste einen Halbsatz. »… Zeit, dass endlich Recht und Ordnung nach Skaguay kommen.«
»Schön wär’s, Frank.« Ihr fiel plötzlich ein, wem die vertraute Stimme gehörte, das war Fitz. Tom Fitzpatrick! »Aber bisher hat er sich immer rauswinden können. Er kontrolliert alles und jeden in dieser Stadt. Gestern Abend hat er einen jungen Iren umbringen lassen … Ich bin ganz sicher, dass er es war. Wegen ein paar Hundert Dollar. Und er besitzt sogar noch die Frechheit, seine Beerdigung bezahlen zu wollen. Ich bin dafür, dass wir alle zusammenlegen.«
Clarissa hatte genug gehört. »Fitz!«, rief sie so laut, dass die Männer sie hören konnten. »Ich bin’s, Clarissa! Wir brauchen dringend Hilfe! Hier drüben am Waldrand!« Sie lief den Männern ein paar Schritte entgegen und winkte. »Dolly Kinkaid ist bei mir, die Frau … Witwe von Luther Kinkaid.«
Fitz und sein Begleiter, beide mit wasserdichten Regenumhängen, lenkten ihre Pferde zwischen den Bäumen hervor und stiegen vor den Frauen aus dem Sattel. »Clarissa!«, wunderte er sich. »Was in aller Welt tun Sie denn hier?«
Sie schilderte in wenigen Worten, was geschehen war. Während sie sprach, kramte er bereits seinen Erste-Hilfe-Beutel aus den Satteltaschen und machte sich daran, die Wunden der Engländerin mit Jod und Wundsalbe zu behandeln und neue Verbände anzulegen. Er benahm sich geschickter als mancher Arzt. Nachdem er fertig war, hob er sie mit erstaunlicher Leichtigkeit vom Boden auf und setzte sie behutsam in den Sattel seines Pferdes. Er reichte ihr seinen Regenumhang und nickte nur, als sie sich lächelnd bedankte.
»Sie schickt der Himmel«, endete Clarissa ihren Bericht. »Ich wollte gerade allein losziehen, um Hilfe zu holen. Was machen Sie um diese Zeit hier?«
Fitz wechselte einen fragenden Blick mit seinem Begleiter.
»Geht es um die Bürgerwehr?«
»Sie haben uns belauscht, was?« Der alte Goldsucher musste unwillkürlich grinsen. »Ich hab schon auf dem Schiff erkannt, dass Sie keine gewöhnliche Frau sind. Aber wie ich Sie kenne, sind Sie genauso schlecht auf Soapy Smith zu sprechen wie wir. Und diese Dame wohl noch viel mehr.« Er blickte Dolly an. »Tut mir leid, was mit Ihrem Mann passiert ist, Ma’am. Aber dafür wird Soapy Smith büßen!« Er deutete auf seinen Begleiter. »Der freundliche Gentleman neben mir, der wie ein Buchhalter aussieht, ist dabei, ein Vigilantenkomitee zusammenzustellen, das den Verbrecher endlich dingfest macht.«
»Frank Reid«, stellte sich sein Begleiter vor. Er tippte sich an den etwas aus der Mode gekommenen Derby-Hut. »Mein aufrichtiges Beileid, Ma’am, aber ich kann Ihnen versprechen, dass wir Soapy Smith und seine Bande zur Rechenschaft ziehen werden. Wir können uns doch auf Ihre Verschwiegenheit verlassen? Unser Plan mit dem Komitee darf auf keinen Fall auffliegen.«
»Auf uns können Sie sich verlassen«, sagte Clarissa.
»Und ich werde Ihrem Komitee sogar beitreten«, versprach Dolly kämpferisch. »Sobald ich wieder laufen kann, bin ich dabei. Mit den Waffen einer Frau erreicht man manchmal mehr als mit Schusswaffen und Fäusten.« Sie bewegte sich im Sattel und kniff die Lippen zusammen, als der Schmerz zurückkehrte. »Und wenn ich die einzige Frau unter hundert Männern bleibe!«
Auch Frank Reid erwies sich als Gentleman, bot Clarissa seinen Regenumhang an und überließ ihr sein Pferd. Sie schaffte es allein in den Sattel und war erleichtert, nicht allein nach Skaguay laufen zu müssen. Fitz und Frank Reid führten die Pferde an den Zügeln, als sie in mehreren Serpentinen den steilen Hang erklommen und durch den Wald zur Straße zurückritten. Unterwegs erfuhr sie, dass die beiden Männer bei einigen Goldgräbern gewesen waren, die weiter flussaufwärts lagerten und nur darauf warteten, Soapy Smith endlich das Handwerk zu legen. Fast alle Männer, die beim Komitee mitmachten, hatten eine private Rechnung mit ihm zu begleichen.
»Und Sie meinen, Sie können ihm wirklich das Handwerk legen?«, fragte Clarissa, als sie endlich die Wagenstraße erreichten und eine Pause einlegten.
Frank Reid war seiner Sache sicher. »Schon mal von Dschingis Khan gehört? Oder von Attila? Selbst die mussten irgendwann die Waffen strecken!«